Die Altstadtbewohner leiden unter den Gross-Events und dem Autoverkehr. Lösungsvorschläge der Gemeinderäte Edi Guggenheim (AL), Christoph Luchsinger (FDP) und Christian Traber (CVP).

Eine Sache der klaren Regulierung.

Text von Ev Manz und Marius Huber.

Die Bewohner der Zürcher Innenstadt muss man erst finden. Sie drohen unterzugehen in den Massen der Auswärtigen, die Tag für Tag in ihre Heimat einfallen. Ähnliches gilt für ihre Sorgen und Nöte. Anfang September sind wir am Markt auf der Rathausbrücke dennoch fündig geworden. Mit Blick auf die Wahlen haben wir uns nun im Gran Café am Limmatquai mit den Gemeinderäten Edi Guggenheim (AL), Christoph Luchsinger (FDP) und Christian Traber (CVP) getroffen und sie um Lösungen gebeten.

Die Stadt muss einen neuen Umgang mit Grossanlässen finden, darin sind sich Edi Guggenheim (AL), Christoph Luchsinger (FDP) und Christian Traber (CVP) einig. Fotos: Sabina Bobst

Grossanlässe

Weil die Altstadt die Festhütte der Nation ist, flüchten Einheimische während grosser Events. Braucht es Grenzen?
Edi Guggenheim: Das wird sicher die Abstimmung über den Sechseläutenplatz zeigen. Das Resultat aus dem Kreis 1 wird ein Indiz sein, ob die Leute unvermindert Jubel, Trubel, Heiterkeit wollen.
Christian Traber: Ich denke, das Mass ist voll. Die Altstadtbewohner waren sich stets gewohnt, dass bei ihnen mehr läuft als in anderen Quartieren, und sie waren bereit, das zu ertragen. Aber warum dauert das Züri-Fäscht heute drei Tage? Warum wurde das Festgelände ausgedehnt bis fast zum Hauptbahnhof? Man muss einen neuen Umgang mit solchen Anlässen finden. Es dürfen durchaus auch wieder neue dazukommen, aber dann muss ein anderer weichen.
Christoph Luchsinger: Du musst aber aufpassen, dass du nicht aufgrund persönlicher Vorlieben urteilst. Ich teile ja deine Skepsis, wenn sich so ein Fest zeitlich und flächenmässig immer weiter ausdehnt, aber vielleicht sind wir einfach konservativ. Es sind auch Events weggefallen, etwa das Freestyle.
Guggenheim: Aus anderen Gründen . . .
Traber: Schon, aber darüber waren in Wollishofen viele froh.
Luchsinger: Warten wir jetzt mal die Abstimmung zum Sechseläutenplatz ab. Wenn da nur 60 Prozent der Leute aus dem Kreis 1 weniger Trubel wollen, ist das für mich kein Alarmzeichen.
Guggenheim: Warum hat heute jede Stadt das Gefühl, sie müsse auch einen Weihnachtsmarkt haben? Und Zürich gleich fünf? Manche meinen, Zürich müsse immer überall vorne dabei sein.
Luchsinger: Ich frage mich mit Blick auf die Schweizer Mentalität auch: Wollen wir Grossanlässe? Wären kleine Anlässe an verschiedenen Orten nicht besser? Etwa ein Markt auf dem Münsterhof? Das gefiele mir viel besser. Würde der Münsterhof belebt, käme das auch den umliegenden Restaurants zugute.
Guggenheim: Das meine ich: in der Grösse Grenzen setzen.
Traber: Und dafür mehr kleinere Anlässe zulassen, in Absprache mit den Anwohnern. Da sind wir uns einig. Aber es wird schwierig, zu entscheiden, welche Anlässe erhaltenswert sind.
Luchsinger: Die Street Parade zum Beispiel ist gar nicht meine Sorte Anlass, aber sie gefällt mir. Weil das etwas ist, was von unten kam. Da hat nicht irgendein Marketingfritz etwas abgekupfert.

Sauberkeit

Manche finden, die Innenstadt sei zu clean und aufgeräumt. Es bleibe kein Platz für das, was aus dem Rahmen fällt.
Luchsinger: Mir fällt auf, dass es für die grossen Anlässe kaum Grenzen gibt, man aber mit den Kleinen sehr streng ist. Wir haben zum Beispiel im Vergleich mit Städten wie Paris sehr wenig Strassenmusikanten. Dabei finde ich das etwas sehr Sympathisches.
Traber: Finde ich auch, aber dann melden sich wieder genervte Anwohner.
Guggenheim: Vor allem, wenn die Musiker den Verstärker einschalten.
Luchsinger: Nein, das geht nicht. Aber wenn einer mit der Violine hinsteht . . .
Guggenheim: Da sind wir uns ja schon wieder einig.
Traber: Es braucht Regeln. Aber Zürich ist mit seinen Bewilligungen oft extrem zwinglianisch.
Guggenheim: Dabei gibt es ja auch ruhige Anlässe: zum Beispiel den Mann mit den grossen Seifenblasen. An dem hatten alle Freude, auch Touristen. Und doch brauchte es lange Diskussionen, damit er jetzt wieder auftreten darf.

Verkehrslärm

Seit die bewachten Barrieren an der Zähringerstrasse weg sind, kurven nachts wieder die Autos durchs Quartier und rauben den Bewohnern den Schlaf.
Guggenheim: Stadtrat Richi Wolff und seine Leute suchen intensiv nach Lösungen. Das Problem ist hier im Vergleich mit dem Kreis 4 und 5 komplexer, weil es hier auch Hotels mit Gästen und Taxis hat, die zufahrtsberechtigt sind.
Christian Traber: Das stimmt, und trotzdem sollte das mit technischen Massnahmen zu lösen sein. Im Kreis 4 und 5 hat die Stadt Erfolg mit der elektronischen Erfassung von Autos, die Bussen generiert. Fazit: Wer ein-, zweimal erwischt wird, kommt nicht mehr. Etwas Vergleichbares muss es hier auch geben, vor allem in der Nacht, wenn die Freier aufkreuzen. Zudem muss man sich überlegen, wie die Verbotstafel eingangs der Strasse in der Nacht gut sichtbar wird.
Christoph Luchsinger: Dem kann ich zustimmen. Weil Verkehrslösungen in der Innenstadt schwierig sind, habe ich für die Zukunft die Hoffnung, dass es mehr neue Technologien und Modelle wie Carsharing gibt. Damit es viel weniger Autos braucht, ohne dass das Bedürfnis nach Mobilität eingeschränkt ist.
Guggenheim: Etwas muss ich noch ergänzen: Was die Anwohner in der Nacht stört, ist ja der regelmässige Lärm, und der kommt auch von den Rollkoffern auf den Pflastersteinen. Das ist unsäglich.
Luchsinger: Das kann ich mir denken.

Roadpricing

Bewohner der City haben Verständnis für autofahrende Gewerbler, aber nicht für den vielen Durchgangsverkehr, den sie beobachten. Was kann man tun? Traber: Ich bin ehrlich: Wenn ich gelegentlich mit dem Auto von Leimbach in die City fahre, nehme ich nicht die Sihlhochstrasse, wo der Verkehr stockt, sondern die Brandschenkestrasse durchs Quartier. Mittelfristig wäre ich für Road- pricing zu haben, aber dazu braucht es erst Gesetze auf Bundes- und Kantonsebene. Das Ziel, die Verkehrsspitzen zu glätten, ist richtig. Wir können die Strassen in der Stadt nicht breiter machen.
Luchsinger: Aber man kann in die Tiefe gehen, so lassen sich die Verkehrsströme trennen. Tunnels sind eine wichtige Idee. Mir als Fussgänger gefallen autofreie Plätze, aber das soll nicht über die Behinderung von Autos geschehen.
Traber: Tunnels finde ich in vielen Fällen fragwürdig, weil wir es mit Ziel- und Quellverkehr zu tun haben, nicht mit Durchgangsverkehr. Mit einer Ausnahme: Auf der Achse von der Enge ins Seefeld wäre ein Tunnel eine gute Idee.
Guggenheim: Eine grauenhafte Idee!
Traber: Warum? So könntest du das ganze Bellevue von Autos befreien. Der Tunnel muss nicht gross sein, vermutlich reicht eine Spur pro Richtung.
Guggenheim: Wir haben mal eine Autobahn um die Stadt gebaut, die uns vom Verkehr hätte entlasten sollen. Mittlerweile ist unbestritten: Jede neue Strasse bringt mehr Verkehr. Deshalb ist jeder Tunnel eine schlechte Idee. Der Individualverkehr muss an der Stadtgrenze stark eingedämmt werden, zum Beispiel mit Roadpricing. Wer aufs Auto angewiesen ist, etwa ein Handwerker, kann die Kosten dafür weiterverrechnen.
Luchsinger: Zurück zum Tunnel: Es gibt neben dem Seetunnel auch den Seebeckentunnel – eine Light-Variante. Schade, dass die Linke da aus ideologischen Gründen nicht mitmacht, denn das wäre eine schöne Lösung für Fussgänger und Velofahrer. Heute haben wir am reizvollsten Ort von Zürich eine Blechlawine. Das gefällt auch mir als Freisinnigem nicht. Aber wir brauchen eine Lösung, die alle berücksichtigt.
Traber: Solche Vorstösse gab es, und sie wurden mehrheitlich abgelehnt. Diese Chance haben wir verpasst.
Luchsinger: Das ist ein langfristiges Projekt, aber wir sollten es in Angriff nehmen. Wenn ich an die Möglichkeiten denke – da komme ich ins Schwärmen.
Guggenheim: Wie bei dieser Seilbahn über den See, die aber gar nichts bringt. Luchsinger: Eine wunderbare Tourismusidee. Ich würde diese Bahn sicher benutzen, wenn ich über den See muss.
Traber: Das ist nur ein Geschenk der ZKB, das ein paar Jahre steht und dann wieder weg ist. Mit öffentlichem Verkehr hat das gar nichts zu tun.

Velowege

Die Velofahrer klagen über ein lückenhaftes Wegnetz und die Fussgänger über rücksichtslose Velofahrer. Was tun?
Luchsinger: Hier geht es wieder um die Trennung des Verkehrs.
Guggenheim: Ein Seetunnel für Velos?
Luchsinger: An neuralgischen Stellen wie dem Bellevue könnten Tunnels wirklich eine Lösung sein.
Traber: Unter dem Hauptbahnhof wird es ja bald einen geben.
Luchsinger: Klar, das ist keine Lösung, die flächendeckend anwendbar ist, aber 80 Prozent des Velowegnetzes in der Stadt sind eigentlich in Ordnung.
Guggenheim: 80 Prozent? Das sehe ich aber ganz anders.
Traber: Ich bin zwar kein Velofahrer, aber ich glaube auch, dass wir ein Problem haben. Seit Jahrzehnten, unabhängig von der Partei des zuständigen Stadtrats. Man hat es verpasst, anständige Velorouten zu definieren. Man muss die Velowegmarkierungen suchen, wenn man nicht täglich durchfährt. Das ist störend. Es muss doch möglich sein, die Wege klarer zu markieren. Dann nimmt auch die Akzeptanz der Velofahrer zu.
Guggenheim: Es gibt auch noch das Problem der Jahreszeiten. Sobald es Sommer wird, holen Krethi und Plethi das Velo hervor – und sobald man im Sattel sitzt, hat man das Gefühl: Mir gehört die Welt. Ich wurde auch schon trotz Vortritt von einem anderen Velofahrer umgefahren. Wir sollten aber nicht nur von Velohauptrouten sprechen, es geht auch um die Feinverteilung. Die Situation lässt sich nur entspannen, wenn man mehr Platz schafft für Velos. Und das heisst: raus mit den Autos.
Traber: Entschuldigung, Edi, aber man kann den motorisierten Individualverkehr nicht einfach verdrängen. Sein Anteil wird zurückgehen, das geht gar nicht anders. Aber es wird ihn auch in 20 Jahren noch geben.

Quelle: tagesanzeiger.ch